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Date: 20 Feb 2009 07:36:29
Title: Die Entdeckund der Ruhe

Position: 10° 22' S, 161° 41' E

Vor über fünf Monaten habe ich Deutschland verlassen. Seit vier Monaten lebe
ich auf dem Boot. Mal zu dritt, meist zu viert, neuerdings zu fünft. Der
Fünfte muss an Deck schlafen. Jede Koje misst 60 cm Breite x 200 cm Länge
und einer Höhe von ca 65cm. Die Plattform an Deck entspricht in etwa den
Maßen eines Kinderzimmers im sozialen Wohnungsbau. Es sind immer Menschen um
einen herum. Es gibt keine Ruhezone. Am Bootsrand ist Schluss, weiter kann
man nicht entrinnen - wenn man denn entrinnen will.
Es gibt wenige Gründe zu "entrinnen. Aber heute ist so ein Tag. Da können
die Mitsegler noch so liebenswert sein, was sie auch sind und waren, aber
irgendwann braucht man seine Ruhe. Heute ist also der erste Tag, dass ich
allein an Bord bin.
Die anderen sind mit meinem alten Freund Charly aus Tikopia-Zeiten in seinem
Boot nach Kirakira, dem Hauptort von Makira gefahren. Er bringt den
englischen Molekularbiologen Dr. Keith Dobney zur Flughafenpiste (Grasfeld)
mit Holzbude (Abfertigung). Ihn begleitet meine derzeitige Crew: Matt, Ingo
und Rüdiger.
Es herrscht eine seltene Ruhe an Bord. Und ich muss offen gestehen, ich
genieße sie.
Es gab mal vor zehn Jahren einen bemerkenswerten Essay von Hans Magnus
Enzensberger im SPIEGEL:Darin schilderte er den neuen Luxus. Er berichtete,
dass nicht teure Outfits, Autos, Zweitwohnungen, St. Moritz- oder St.
Tropezbesuche das Maß von Luxus wären, sondern z. B. Zeit haben und Ruhe
genießen, wären einige der neuen Luxus-Parameter.
Also Ruhe.
Bis jetzt war - zwar abnehmend - immer eine gewisse Gespanntheit in mir.
Erst die Kinderkrankheiten der Boote, dann Widrigkeiten mit dem Wetter
(Regenzeit), Flauten, Stürme, Ströme (meist gegen uns), Gegenwind - all das was die Doldrums so für
Segler parat haben. Dann die Verantwortung, die Boote ohne Motor zu den
Ankerplätzen zu bringen, Termine einzuhalten für die M;itsegler und so
weiter...
Rudi Dutschke hatte einmal gesagt "Unruhe ist die erste Bürgerpflicht". Aber
mit Sicherheit hatte er nicht an die Bürger auf Hoher See gedacht.
Spaß bei Seite. Es ist ein wunderbarer Tag. Ich habe gelesen, Meine Wäsche
an Land zum Waschen gebracht (für eine gebrauchte Pfeife), mich mit fünf
Frauen an einen Holztisch ans Ufer gesetzt, ihren Geschichten gelauscht,
meine erzählt, dabei aufs Meer geschaut, Pfeife geraucht, aufs Trocknen der
Wäsche gewartet und beobachtet wie langsam die Flut die Ebbe ablöste,.
Vom Meer kam eine angenehme Brise. Jedermann war freundlich gesinnt. Die
Frauen wischten mit den Fingern den Rotz der Kinder ab. Irgendwann bin ich
zum Boot zurückgerudert, um die zwei Plastiksäcke Müll zu holen und diese am
Strand mit Hilfe der Frauen und Kinder zu verbrennen. Ich sollte sie doch
einfach ins Meer schmeißen. Also muste ich ein wenig Umweltaufklärung
betreiben.
Während ich hier am Laptop sitze, haben sich ein paar Einheimische an Bord
bequem gemacht. Inzwischen kennt man sich. Ich bat, weiter zu schreiben und
sie legten auch das ein was ich heute erst entdeckte: eine Ruhepause.

K. Hy.




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